Die Zukunft des Gehirntrainings: Apps und Pharmariesen
Die Entdeckung einer neuen Einnahmequelle kann für große Unternehmen oft so berauschend sein wie ein Glas gut gereiften Bordeaux. Im Fall der Pharmazieindustrie hat sich nun ein Bereich herauskristallisiert, der seit einiger Zeit schüchtern in der Ecke steht: Gehirntraining. Versuche, unser kognitives Potenzial durch Apps zu steigern, erfreuen sich wachsender Beliebtheit. Die Pharmariesen haben das bemerkt und rüsten sich für den milliardenschweren Markt.
Wenn man sich die Entwicklung von Gehirntraining-Apps ansieht, könnte man meinen, wir leben in einer Zeit, in der Tipps für das mentale Workout mehr nachgefragt werden als Vorschläge für körperliche Fitness. Ein Blick auf den App Store lässt erahnen, wie vielversprechend dieser Sektor ist; zahlreiche Produkte versprechen, die Denkfähigkeit zu steigern und Demenz vorzubeugen. Man stelle sich vor, wie ein kurzes Rätsel oder ein paar knifflige Mathematikaufgaben genügen sollen, um den Geist in Topform zu halten. Man könnte fast geneigt sein, zu glauben, diese Apps seien die neue Wunderwaffe der Gesundheitsindustrie.
Die Macht der Zahlen
Die Zahlen sprechen für sich. Schätzungen zufolge kann der globale Markt für Gehirntraining in den nächsten Jahren exponentiell wachsen. Pharmakonzerne, die seit Jahrzehnten mit der Entwicklung von Medikamenten beschäftigt sind, scheinen plötzlich in der Lage zu sein, auch Apps zu entwickeln. Der Wandel ist erschreckend einfach: Statt chemischer Formel oder klinischer Studien braucht man nur einen kreativen Kopf und ein paar Programmierer, um in den Märkten der mentalen Fitness Fuß zu fassen. Die Vorstellung, dass man mit einem Klick auf dem Smartphone seine geistigen Fähigkeiten schärfen kann, ist verlockend.
In der ersten Welle dieser Entwicklung tummeln sich Start-ups und kleine Unternehmen, die sich darauf spezialisiert haben, Benutzer mit spielerischen Elementen zu unterhalten. Doch mit dem unerbittlichen Drang der Pharmakonzerne, ihre Reichweite auszuweiten, hat sich das Bild schlagartig verändert. Große Unternehmen kaufen die kleinen Anbieter auf oder investieren in ihre Technologien, und schon wird das kleine Start-up zum neuen Hoffnungsträger der Pharmaindustrie. Man erinnert sich an den Buchhandel im Internet: Zuerst schien es, als würden die kleinen Buchläden die Macht der großen Ketten überstehen, doch die Realität ist eine andere.
Das Wachstum und die Dynamik des Marktes haben offensichtlich auch das Interesse von Investoren geweckt. Wenn man die Publikationen über das Thema durchblättert, könnte man annehmen, dass jeder Investor, der einmal ein bisschen Geld in seine Hand genommen hat, nun in den Bereich der mentalen Fitness drängt. Der Reiz ist kaum zu leugnen: Eine Branche, die sich mit dem Wohlbefinden von Milliarden Menschen beschäftigt und gleichzeitig gute Renditen verspricht, ist ein wahres Schlaraffenland für Kapitalanleger.
Allerdings bleibt die Frage, ob diese Apps tatsächlich halten, was sie versprechen. Die Wissenschaft ist sich nicht immer einig, wenn es um die Effizienz von Gehirntraining geht. Während einige Studien positive Ergebnisse zeigen, kommen andere zu dem Schluss, dass die meisten Apps nicht viel mehr als unterhaltsame Ablenkungen sind. Das ist in etwa so ansprechend wie der Gedanke, den nächsten Bestseller neu zu interpretieren, ohne das Original je zu lesen.
Die Vielfalt der Angebote macht es zudem schwierig, eine informierte Entscheidung zu treffen. Von Gedächtnisspielen über Konzentrationstrainings bis hin zu mehr oder weniger esoterischen Methoden — das Spektrum ist breit. Man fragt sich, wie viele der Nutzer tatsächlich wissen, in was sie investieren. Ist es der Spaßfaktor? Oder sind es die wissenschaftlich fundierten Ansprüche, die diese digitalen Produkte aufstellen?
Die Pharmakonzerne wiederum treten mit einem anderen Ansatz an die Sache heran. Sie setzen auf ihre jahrzehntelange Erfahrung in der Forschung und Entwicklung. Statt spontane Entscheidungen zu treffen, versuchen sie, die App-Abläufe an klinischen Studien auszurichten, um das Vertrauen der Nutzer zu gewinnen. Hier wird auf ein anderes Pferd gesetzt: die Durchdringung des Marktes durch fundierte Informationen und verlässliche Ergebnisse. Eine Perspektive, die für viele Nutzer zwar glaubwürdiger erscheint, den Reiz der spielerischen Herausforderung jedoch vermissen lässt.
Aber wie steht es um den unmittelbaren Nutzen für den Nutzer? Nun, die Antworten sind ebenso vielfältig wie die Apps selbst. Einige Benutzer berichten von positiven Erfahrungen, während andere kaum einen Unterschied feststellen können. Das ist ähnlich wie beim Fitnessstudio: Manche haben Erfolge, während andere weiterhin im Stillstand verharren, um es vorsichtig auszudrücken.
In einer Welt, in der Zeit kostbar ist, könnte man meinen, dass die Aussicht auf eine „schlanke“ Lösung für geistige Fitness spannend ist. Apps, die uns beim multitasking unterstützen, während wir gleichzeitig unsere Produktivität steigern und die Erinnerungsfähigkeit schärfen, erscheinen auf den ersten Blick als bequemes Allheilmittel. Der König der Apps zur mentalen Fitness scheint allerdings zu sein: die illusionäre Leichtigkeit, mit der wir glauben, etwas für unser Gehirn zu tun, während wir uns gleichzeitig zwischen Netflix und dem nächsten Schokoladenriegel bewegen.
Während die einen sich mit den Neuigkeiten der Gehirntraining-Apps duellieren, bleibt ein entscheidendes Detail oft unberücksichtigt. Wer hat die Kontrolle über unsere Daten? Wenn Pharmakonzerne ein Interesse an der mentalen Fitness zeigen, kann man nicht umhin, an die ethischen Implikationen zu denken. Der Nutzer als Produkt, seine Daten im Austausch für geistige Fitness. Ein unterschwelliges, aber spannendes Thema, welches in der Diskussion um die Apps für mentale Fitness oft zu kurz kommt.
Das Anliegen der Pharmakonzerne, sich im Bereich der Apps zu etablieren, geht mit einem aufmerksamen Blick auf die Datenschutzbestimmungen einher. Einige Unternehmen rühmen sich damit, nur detektivisch nach dem Nutzungsverhalten der Kunden zu fragen, während sie gleichzeitig mit einer feinen Ironie versuchen, sich auf die individuelle Lerngeschwindigkeit jedes Nutzers einzustellen.
Nach einem Rundgang durch die Welt des Gehirntrainings, bleibt zu hoffen, dass die Nutzer nicht nur als Versuchskaninchen betrachtet werden. Die Frage, die sich letztlich stellt, ist, ob sich aus dieser ungewissen Epoche der Apps auch echte Fortschritte für die mentale Fitness ergeben oder ob wir einfach in einer Unterhaltungsindustrie gefangen sind, die ein weiteres Mal zu überspielen versucht, wie schmal das lineare Verzeichnis der Fortschritte tatsächlich ist.
Die Pharmakonzerne mögen die Apps für sich entdeckt haben, aber die Frage bleibt: Ist dies der Beginn einer neuen Ära für das Gehirntraining oder nur ein weiteres Kapitel in der unaufhörlichen Jagd nach Gewinnmaximierung? Das bleibt abzuwarten. Wahrscheinlich wird es auf eine Mischung aus beidem hinauslaufen. Die Geister, die man ruft, könnten uns eines Tages nicht nur auf den Weg des Lernens führen, sondern auch in die Untiefen des digitalen Kommerz.